110 years of freedom!

Dass der Imagefilm für die Sportster des neuesten Jahrgangs mit einem feschen jungen Herren anfängt, der sich seinen Espresso in der ikonenhaften Bialetti Mokkakanne zubereitet, kann kein Zufall sein. Nach dem Genuss des legalen Aufputschmittels aus der Heimat des industrial design am alten Kontinent schnappt er sich seine Harley, und reitet entspannt und glücklich lächelnd durch San Francisco in den Sonnenaufgang, den Soundtrack liefert das sonore Knattern des V-Twins. Die Realität hat in die Kommunikation von Harley Davidson Einzug gehalten, keine harten Jungs bevölkern das sympatische Filmchen, sondern ein ganz normaler Konsument, okay, ein gutaussehender, der am Montag wohl wieder ins Büro fährt, aber jetzt sucht er gerade „110 Years of Freedom“!
Harley hat zur europäischen `Kick off Party´ nach Berlin geladen, die Gibson Studios in einem coolen Loftgebäude auf der Fischerinsel bieten den passenden Rahmen. Boris Loehe, Europa Entertainment Relations Director des Gitarrenausstatters der grössten Rock and Roll Legenden gibt den Gastgeber, vordergründige Marketingüberlegungen weist er überzeugend zurück. „Unser Europa Director und der von Harley kennen sich gut, haben die gleichen Interessen, und festgestellt, dass diese zwei amerikanischen Ikonen gut zueinander passen. Also lassen wir unsere Freunde gerne ihre neuesten Errungenschaften auch gerne auf einer gemeinsamen Party vorstellen.“ Wenn man dann sieht, wieviele der, ihre Markenleidenschaft für die Marke aus Milwaukee stolz auf der Brust tragenden Gäste zu einer der an der Wand platzierten Vorführgibsons greifen, und ihre Fingerfertigkeit einer Probe unterziehen, klingt das ganz plausibel. Der Star unter den Gitarren ist natürlich die Les Paul, soeben solide fünfzig Jahre alt geworden, und genau wie bei den äusserlich ebenfalls immer noch wie ihre Vorfahren aussehenden Motorrädern hat auch hier die Elektronik Einzug gehalten. Stolz präsentiert Loehe die neueste Errungenschaft der Firma, die selbststimmende E-Tune. Einmal angeschlagen beginnen die Wirbel wie von Geisterhand betätigt die Seiten auf der Suche nach dem guten Ton zu tunen.

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springtime in berlin

Was uns nun aber endgültig zum eigentlichen Grund des Besuches hier führt, Sound und Look, aber halt auf zwei Rädern, und individuelles Tuning. Wie Vicepresident Shelley Paxton  zu betonen nicht müde wird, ist Harley Davidson eine Firma, die genau auf ihre Kunden hört, die Motorräder baut, die sie sich wünschen, und wenn das nicht reicht, die nötigen Teile liefert, um das Bike genau an den jeweiligen Traum anzupassen. „Es gibt jede Harley nur einmal, keine gleicht der anderen“ ist ihr Credo, und tatsächlich fällt es schwer, den Überblick über die vielen Varianten und Sondermodelle zu behalten.
Unten im Hof steht eine von jeder Sorte, feinsäuberlich sortiert nach Familienzugehörigkeit, glitzernd im romantischen Schneefall. Besonders schön machen sich da die Sonderlackierungen der Geschmacksrichtung Hard Candy Custom, fröhliche Farben funkeln metallisierend dreidimensional auf Tanks und Kotflügeln. Auch die neu vorgestellte Dyna Street Bob Special Edition weiss mit satter Farbe zu beeindrucken, sie wird ausschliesslich in der `Scallop´ Lackierung angeboten, Big Blue Pearl und Vivid Black nennen sich die beiden Töne, auffällig getrennt von kräftigen roten Pinstripes. Damit es nicht zu bunt wird sind viele Teile, vom Tauchrohr an der Front bis zur Halterung des gestutzten Fenders am Heck mattschwarz gehalten, der niedrige Einzelsitz garantiert zusammen mit einem dezenten Mini Apehanger eine coole Sitzposition, die mittig montierten Fussraster erstaunliches Roadhandling. Auch die klassischen Speichenfelgen lassen das Gerät nicht gerade als Fahrzeug für schüchterne Reiter erscheinen, wieder sticht das aufmerksamkeitheischende Rot ins Auge. Das kann dem Käufer aber nur Recht sein, so stellt er gleich klar: ich war schnell genug, habe mir rechtzeitig eines der nur 500 verfügbaren Exemplare gesichert.
Eile ist bei den limitierten Modellen durchaus angebracht, die CVO Breakout, die in einem Durchgang vor Witterungsunbillen halbwegs geschützt die sehnsüchtigen Blicke der wahren Kenner auf sich zieht, ist, wie praktisch jede der `Custom Vehicles Operations´ Konstruktionen, so gut wie ausverkauft. Ihre flache, langgestreckte Silhouette verleihen ihr in Kombination mit dem wahrlich fetten Hinterrad eine Raubkatzenhafte Anmutung, der offen nach vorne gereckte `Heavy Breather´ Luftfilter lässt ahnen, dass sie auch artgerecht brüllt.  Die elegante Erscheinung teilt sie gottseidank mit ihrer zivileren Schwester, und die sollte problemlos zu kriegen sein. Der 103 Kubikinch Motor der neuen Softtail Breakout ist zwar um einen Zehntelliter kleinvolumiger als jener in der extrovertierteren Schwester mit ihren 1800 Kubikzentimetern, hängt aber im gleichen Fahrwerk, welches zwar auf starres Dragsterchassis macht, aber dank der bekannten versteckt angeordneten Federung die Hinterhand, nun ja, nicht wirklich `soft´ macht, wie der Name suggeriert, wäre auch nicht zielführend bei so viel Kraft, sondern kontrollierbar und komfortabel. Abgerundet wird die Komposition mit schwarz getönten Anbauteilen, hier in glänzend gehalten, und zehnstrahligen Speichenrädern, die im Stil an die hauseigenen Gussfelgen der neunzehnhundertachtziger Jahre angelehnt sind und Hot Rods zitieren sollen, der 240er Gummi hinten lässt bei den Nachfahrern keine falschen Hoffnungen aufkeimen.

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fettes teil

Die appetitanregenden optischen Verlockungen ergänzen übrigens akustische Sensationen, den Hof des Gibson Gebäudes erschüttern regelmässig die Schallwellen eines startenden grossvolumigen Zweizylinders, die mich unweigerlich anziehen. Ich darf Platz nehmen, die umfangreiche Startprozedur in Angriff nehmen, das Triebwerk zünden. Zügig drücke ich die sechs Gänge durchs Schwermetallgetriebe, 210 Km/h bescheinigt der Tacho, angefeuert von einem Fan im orange-schwarzen Outfit, der mich begeistert anfeuert. Leider ist die Fat Bob fest mit einem Rollenprüfstand verschraubt, da kommt die rechte Fahrfreude nicht auf, aber der Sound ist gut und die Zuschauer freut´s. Mein Groupie stellt sich als Ladenbauer vor, er kommt gerade retour aus Österreich, Strasshof um genau zu sein. Dort hat er soeben den neuesten Inkubationsort errichtet, in der Ebene wenige Kilometer östlich von Wien kann man nunmehr im siebenten Harley Store seine Sehnsucht stillen.
Das weite Land mit seinen langen Geraden erinnert zwar an die Prärie und stellt somit den natürlichen Lebensraum der Motorräder aus Milwaukee glaubwürdig nach, doch das heisst noch lange nicht, dass man mit den Dingern nicht auch Kurven fahren könnte. Offensichtlich haben die Marketingstrategen genau erkannt, dass ältere, erfahrenen Motorradfahrer wie der Autor dieser Zeilen durchaus potentielle Kunden sein können, sobald die Knie knirschen und das Portemonaie prall ist. Verabschiedet werden die Gäste des Abends mit einem weiteren Film, diesmal spielt die Softtail Breakout die Hauptrolle, und mehr als die Hälfte der Zeit wird sie ambitioniert in Schräglage pilotiert.

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