frühlings_erwachen

Alle leiden unter dem endlosen Winter, Motorradfahrer noch ein bisschen mehr. Da bietet sich die Flucht nach Elba an, wo Fabio Fasolas Enduro Academy bereits ihren ersten Lehrgang im mediterrannen Frühling abhält.

Dabei hatte Alles so schön angefangen, erholsam und ruhig, Lesestoff und Badehose hätten für die Woche auf Elba locker gereicht. Camping Valle Santa Maria an der Südküste, links ein süsser alter VW Bus, rechts zwei Zwängler aus deutschen Landen, die ihre Ducatis, obwohl per Hänger angereist, mit Topcases verunstaltet und sicherheitshalber an die Kette gelegt haben. Und vor mir Montechristo, nein, nicht die Cigarre, sondern jene Insel mit dem Grafen, der aber eh nie dort war. Morgendliche leichte sportliche Aktivität im unbewegten Meer, gefolgt vom mediterranen Frühstück bestehend aus Café und Rauchware, schmökern im Schatten, mittags was Leichtes von Gabrieles Grill.
Easy also, und das hätte auch so bleiben können, wäre mir nicht plötzlich die Idee eingeschossen, einen alten Freund aufzusuchen, der vom kleinen Eiland vor der Toskanischen Küste stammt, sein Büro aber drüben `in Italien´ hat, wie die stolzen Insulaner sagen um den nötigen Abstand zum gemeinen Festländer festzuhalten. Seine Gattin hingegen hat ein Hotel in Portoferraio, der Haupt- und Hafenstatd geerbt, in welches er mich auch zwecks gemeinsamem Abendessen lädt, kommt gelegen, schliesslich wird das Hotel Airone nicht zuletzt ob seiner Küche geschätzt.

„E, Martin was machste du morgen“, fragt Fabio zum Desert, „`aste du Lust, fahren wir eine klein Runde um die Insel?“ Klar hab ich Lust zu fahren um die Insel, wobei Fabios Nachnahme Garantie genug dafür ist, dass aus dem `um´ schnell ein `durch´ wird, Fasola steht schliesslich für motorisierten Männersport, und einfach auf den aussichtsreichen Serpentinen wedeln wird´s wohl eher nicht spielen. Egal, der Strand kann warten, Treffpunkt morgen früh mit Helm und Stiefel auf dem Parkplatz vor dem Hotel klingt jedenfalls verlockend.10 Uhr 30, wie besprochen, allein – kein Mensch da. Aber dafür eine lange Reihe von orangefarbenen Enduros, 250 EXC, dazu noch ein dutzend 350er, porco dio, was läuft denn hier? An den Maschinen machen sich zwei Mechaniker zu schaffen, affichieren Aufkleber die den Fahrer als Zögling der `FF Enduro Academy´ ausweisen, einer der beiden malt Namen wie Jan und Boob und Fraans in die dafür vorgesehenen weissen Felder. Es ist Tobia, treuer Gefährte Fabios, war schon bei der Dakkar und anderen Rennen sein Wasserträger. Ich kenne ihn von einem Langstreckentrip durch Europa -`eeh, Martin, fahre wir schnell ann die Caponord!?´-er findet immer die interessantesten Routen abseits bewohnten Gebietes, die deutsche Autobahn ist hingegen nicht sein bevorzugtes Revier, da ist im faad und während er ohne Pause SMS absetzt kann schon mal ein deutscher Städtename seiner Aufmerksamkeit entgehen. „Ciao Martin“, reden ist nicht so sein Revier, „das ist deine!“ und zeigt auf die einzige Orange die anders ausschaut als der Rest. Nix EXC, aber immerhin 350, `Freeride´ steht auch noch daneben, genau das will ich hier machen, free riden.

Und dann: Auftritt der Hühnen! Tobia, was sind denn das für riesige Typen die sich da mit komischen Lauten unterhalten? „Pirelli BeNeLux, Incentive.“ Zwei dutzend martialisch wirkender Holländer und Belgier marschieren auf, die hälfte davon in professioneller Enduropanier, offensichtlich nicht aus der Boutique, schwere Stiefel mit Kampfspuren, kurz: eindeutig Könner, sie schaaren sich schon mal um die 350er. Die andere Hälfte der Gang schaut nicht gar so martialisch aus, nichtsdestotrotz verfügen allesamt über Brustpanzer und tolle Crosshelme. Ich stehe etwas verloren inmitten dieses Testosteronschwangeren Betriebsausfluges, angetan mit meinen guten alten weissen Motorradjeans und meinem üblichen Jethelm, argwöhnisch gemustert von den Pirelli Boys, Tobia lächelt süffisant und zuckt mit den Schultern.
Der sonore Bass aus dem Akrapovic Auspuff eines Grossrollers zieht die Aufmerksamkeit aller auf sich, breit grinsend kommt Fabio in seiner weissen Rüstung angeritten, „Ciao Martin, sei pronto?“ Klar bin ich bereit, aber wofür eigentlich? Eh ich mich versehe bin ich eingekleidet, „ecco, deine ginocchi“, bekomme Schienbeinschützer aus dem Fundus und eine alte Crosshose, Brustgeschirr krieg ich keines, „brauchst du doch nicht, oder?“ Hoff´ ich auch nicht, obwohl mich trotz fortgeschrittenen Alters das typisch männliche Rivalitätsteuferl immer wieder überraschend in Zweikämpfe zwingt.
Doch dagegen hat Fabio ein effektives Gegengift parat, ohne Gelegenheit zur Widerrede zu erhalten bekomme ich ein `Fabio Fasola Enduro Academy´ Jersey übergezogen und fungiere mit sofortiger Wirkung als Auskunftsperson, `Kleider machen Leute´ heisst´s ja nicht umsonst, und die offensichtliche Qualifikation kraft fortgeschrittenen Alters tut das Ihrige.

Die beiden Gruppen setzen sich schliesslich in Marsch, erst höchst spektakulär die Fortgeschrittenen, mit gebührendem Abstand die `Langsamen´, doch auch die wirken auf zufällig anwesendes Publikum wohl wie Profis, Wheelies vor dem Hotelparkplatz verfehlen nicht ihre Wirkung. Locker durch die Landschaft schwingend verlassen wir dicht verbautes Gebiet, erste kleine Scharmützel am Kurveneingang, Unterschiede in der Fahrpraxis werden sichtbar. Staubige LKW-Spuren am Asphalt künden vom nahen Steinbruch, wir nehmen die Abzweigung, Fabio nimmt stehende Position ein, fordert mit einem kurzen Blick über die Schulter die Gruppe auf, es ihm gleich zu tun, kaum Einer tut es. Die einspurige staubige Schotterstrasse im dichten Laubwald gestattet hohen Schnitt, auf den Geraden ziehen auch Alle brav am gasseil, doch vor den Kurven fehlen Mumm und Erfahrung, beim ersten Halt warten wir zwei schon ein wenig auf die letzten wackeren Flamen. „Gleich wird´s lustig“ meint Fabio und weist mir mit einem kurzen italienisch gemurmelten Befehl eine Postion mitten in der Gruppe zu, könnte sein, dass der Eine oder Andere ein wenig Hilfe benötigen könnte. Nach zwei, drei weiteren Kurven am Weg hebt er kurz den Arm, deutet nach links auf einen schmalen Jägersteig, und biegt ab. Nicht weiter schlimm, hier schaffen Alle die Steigung noch mit Schwung, doch weiter oben am Hang beginnen die Ersten dank einer Mischung aus sitzender Postion und übertriebenem Gaseinsatz die Fahrer-Untersatz-Bindung auf´s Spiel zu setzen. Zugegeben, die Freeride begünstigt mit ihrer Auslegung trialmässigen Fahrstil und damit kontrollierte Fortbewegung, aber so Manchem fehlt offensichtlich wirklich das Gefühl für Gas und Gleichgewicht. Die Abstiege erfolgen zwar teils spektakulär bis komödiantisch, bleiben aber gänzlich ohne Folgen. Ausser, dass das Anfahren bergauf tatsächlich nicht so leicht ist, dafür umso besser geeignet, die Balance zwischen Gasgriff, Kupplung und Untergrund zu üben. Der Aufstieg führt weiter durch verschiedenste Arten von Vegetation in jederlei Pflegezustand, über Schneisen die an ungepflegte Lifttrassen erinnern und schmale Wanderpfade, erster Rastplatz soll eine Lichtung auf einem Gipfel sein, der über einen schmalen, dicht verwachsenen Sattel erreicht wird.

Fabio fährt rasant wie elegant vor, ich folge unauffällig flott, der Rest möge warten, dies hier ist eine hervorragende Photolocation. Wir geben ein Zeichen, der Erste macht sich auf den Weg, anfangs geht´s bergab, dann relativ flach dahin, gegen Ende wird es wieder steil und steinig. Erst etwas vorsichtig bergab, dann immer mutiger bewältigen die ersten zwei die Sektion, dann kommt unser Senior, der hat schon in den siebzigern an der Holländischen Strassenmeisterschaft teilgenommen, dementsprechend ambitioniert beschleunigt er vor der Auffahrt, an sich nicht schlecht, leider übersieht er dabei einen im Unterholz verborgenen Fels, wird abrupt vom über den Lenker gerissen, landet am Rücken – und scheidet aus. Nicht, dass er sich ernsthaft wehgetan hätte, aber atmen tut er ein bisserl schwer, sicherheitshalber organisiert Fabio einen Transport ins Krankenhaus, checken, wundert sich aber doch, warum ein so alter Herr (er ist in unserem Alter) denn gar so arg Gas gibt. Ich erzähle ihm von seiner Rennfahrervegangenheit, da hat er gleich Verständnis:“ahh, capisco, alte Rennfahrer können nicht bremsen, das Problem kenn´ ich nur zu gut!“
Als nächstes gibt´s erst mal eine kleine Enduro Grundschule für die fliegenden Holländer, staubiger Schotter verlangt halt doch ein zarteres Händchen als der griffiger Asphalt, und dass man auch mal aus dem sattel muss, um nicht vom Sattel zu fliegen, wurde soeben vom armen Herrn Henk veranschaulicht. Etwas unwirscht wirkt die Truppe, doch die Aussicht auf das Strandcafé als Belohnung hilft Haltung zu bewahren. Die ist dann auch vonnöten als wir uns direttissima durch die Macchie den Hang hinunterlassen, inclusive Abkürzung durch den Garten einer unwirschen Omi, die doch extra eine rostige Kette hinterlistig knapp über die Fahrbahn gespannt hat, diesmal muss sie ihre Schadenfreude anders füttern.

Grosses Hallo im Café, Fabio ist bekannt hier wie ein bunter Hund, schaut ja auch so aus, sogar die netten Fräuleins vom Camping Valle Santa Maria nebenan grüsste er mit Namen. Unüberhörbar gesellte sich die schnelle Truppe kurz später zu uns, nicht wegen des Motorenlärms, die KTMs sind durchwegs beinahe auf Zimmerlautstärke gedämpft, schliesslich gilt Elba ja auch als Erholungsort und Fabio möcht sich´s mit den nachbarn nicht verscherzen, nein, die lautstark zum Ausdruck gebrachte Begeisterung der Motoristen eilt ihnen voraus. Klar, wir Buben brauchen unsere Heldengeschichten, ergötzen uns an gemeisterten Schwierigkeiten wie an erlittenen Schmerzen. In gleicher Anzahl morgens an den Start gegangen ist unsere Truppe nun schon einen Teilnehmer im Hintertreffen, doch die Mannschaftsstärke sollte sich im Laufe der Tage immer wieder einpegeln.

Nächster Morgen gleiches Unterfangen, nur ein anderer Berg wartet auf uns. Von denen gibt es auf Elba wahrlich genug, und weils an der Küste ohnehin so schön ist, darf man fast alle mit dem Motorrad bezwingen, ausser den höchsten Gipfeln des Monte Capanne im Westen, die sind Vögeln und deren schweigsamen Beobachtern vorbehalten. Deshalb nehmen wir uns heute den Monte Calamita vor, der die Halbinsel im Südosten dominiert und dank seiner Vergangenheit als Erzbergwerk keinerlei Vorwand für übertriebenen Naturschutz bietet. Ausserdem bietet er zur Abwechslung lange rotstaubige Verbindungsetappen, da können sich die Buben ein bisserl austoben, sobald Fabio die Gruppe auf die schmalen ziegensteige leitet, werden die Gasstösse deutlich leiser. Nur einer tut sich beständig mit überschwänglichem Mut hervor, nicht weiter verwunderlich, er blickt auf sizilianische Wurzeln zurück und hört auf den fantastischen Namen Gigi Amore. Dank permanent aufzeichnender Helmkamera könne wir allabendlich den Hergang seiner schönsten Abgänge studieren, nur sein Meisterstück ist leider nicht dokumentiert. Nach den üblichen Handreichungen an gestrauchelten Mitstreitern komme ich mal wieder als letzter um ein Eck, steiler Bergabknick in einen befestigten Wirtschaftsweg, die Gruppe stehend neben ihren Motorrädern, blickt entgeistert hinunter in eine Tomatenplantage. Dort hat die KTM von Gigi ein tiefes Loch in die Erde zwischen den Stauden geschlagen, der Bruchpilot kniet mittendrin, scheinbar Blutüberströmt aber bei Bewusstsein. Tatsächlich hat Gigi aber nur die heurige Ernte nachhaltig dezimiert, alles nur Tomatengatsch, und nachdem Maschine und Reiter mit vereinten Kräften geborgen sind geht´s weiter, wenn auch deutlich verhaltenen Tempos und direkt in die nächste Trattoria in Capolieveri, Gigi hat seinen Appetit jedenfalls nicht verloren.

Und sonst auch keiner, nach den kraftraubenden Unterrichtstunden in der Enduro Academy haben sich die Studenten allabendlich an den köstlichkeiten der toskanischen Küche gelabt, dem flämischen Ideal folgend Bier statt dem vorzüglichen Inselwein genossen, und schliesslich wider Erwarten allesammt die Insel auf eigenen Beinen und ohne bleibende Schäden planmässig verlassen. Nur ein gewisser Gewöhnungseffekt ist nicht abzustreiten, auch an den Schmerz, vor allem aber an lustvollen unbeschwerten Motorsport unter sachkundiger Führung. Aber keine Sorge, die Saison hat auf Elba ohnedies schon längst wieder begonnen.

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Ein Gedanke zu “frühlings_erwachen

  1. Bin gerade auf Elba in den Ferien mit Familie und geniesse das Klima, den Wein und das Mountain-Biken, da leider keine Saison zum Enduro-Wandern ist. Fabio habe ich an den Sixdiays in Italien kennen gelernt, als er für die schweizer Mannschaft gefahren ist. Chris kenne ich von de schweizer Enduromeisterschaft ( ist allerdings auch schon 20 Jahre seither) …..auf jeden Fall war der Bericht eine Freude für mich beim Durchlesen 🙂 ich werde Elba auf jeden Fall in den nächsten Jahren mit der Enduro besuchen und mich dann gerne von Fabio die Insel von der Seite zeigen lassen, wo ich sie beim Wandern und Biken noch nicht gesehen habe. Marina di Campo, Juli 2014.

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