schwarze madonna

Im Vatikan haben sie einen neuen Papst und in Mandello eine neue California. Für den ungläubigen Durchschnittsbürger mag das bedeutungslos sein, aber wer einer der beiden Heilslehren anhängt, wird darin eine vielversprechende Zukunft erspähen. So wichtig wie der Nachfolger Petri für die römische Kirche ist jener des legendären Klassikers für die lombardische Motorradmanufaktur. Die California verkörpert nicht nur die Markenidentität von Guzzi seit das Modell 1968 von den Gebrüdern Berliner erfolgreich dem LAPD als Streifenmotorrad angedient wurden, sondern muss auch als Umsatzbringer zum Wohlergehen der Firma substanziell beitragen.
Die Touring durfte ich schon vergangenen Herbst an der Cote d´Azur kennen lernen, jetzt ist endlich auch die Custom in Österreich eingetroffen und hat mir das erste motorradtaugliche Wochenende Gesellschaft geleistet. Und sie ist eine elegante, dynamische Begleiterin, gerade recht um sich in die reichlich angetretene Szene im Wiener Umland einzureihen, von den gebückten Ledernen auf den italienischen Cousinen bis zu fransenverzierten Freunden des Schwermetalls aus USA war so ziehmlich Alles im Wienerwald unterwegs, was zwei Räder und eine Verbrennungskraftmaschine zur Verfügung hatte.
Die California könnte diesbezüglich Anhänger beider oben genannter Glaubensbekenntnisse befriedigen, südländische Motorenbaukunst triffft auf amerikanischen Gestaltungswillen, im Falle der mir vom Importeur zur Verfügung gestellten Modell werden stilistisch vor Allem letztere bedient. Bestandteil der Zusatzausstattung sind zum Beispiel Griffgummis, welche diese Bezeichnung Lügen strafen, weil sie in fetischistischer Hardcoremanier aus Edelstahl gefräst sind, und daher nicht wirklich fein in der Hand liegen und auch die Kälte der Umgebungsluft gierig aufnehmen und an die Handflächen weiterreichen. Womit auch schon der gravierendste Kritikpunkt abgehakt wäre, aber man muss die Dinger ja nicht bestellen, die Originalgriffe sind ganz hervorragend und auch ohne Customizing ist die Custom ein aussergewöhnlicher Eyecatcher, alleine die Gesatltung der Rücklichter verdient einen Designpreis.
Die Sitzhaltung folgt der reinen Cruiserlehre, wie am Sofa thront der Lenker auf der Maschine, die Füsse fest am Trittbrett, das ausladende Gouvernal mit geöffnetten Armen gegriffen, ab 120 Km/h umarmt man damit auch gleich den Fahrtwind, wer´s gerne schneller angeht sollte die Oberarme trainieren- oder bekommt sie als kostenlose Trainingseinheit im Laufe der Zeit ohnehin. Denn die Guzzi geht ordentlich ab, nur reife Reiter mit gefestigter Psyche können sich der Faszination des mühelos hochdrehenden Kraftwerks entziehen. Ab 2000 Umdrehungen produziert es bis zum roten Bereich allzeit reichlich Vortrieb, ganz egal, welchen Gang man wählt. Von den Übersetzungsstufen sind eigentlich doppelt so viele vorhanden, wie man benötigt, im sechsten Gang erledigt man alle Aufgaben ausserhalb des bebauten Gebietes, wobei sich in diesem Gang auch Ortsdurchfahrten ordentlich tuckernd Durchmessen lassen, die Dritte bedient innerstädtisch alle Aufgaben, in der Ersten könnte man gefühlsmässig zum Beispiel senkrechte Garagenausfahrten bewältigen oder einen SUV aus dem Graben ziehen.
Natürlich lassen sich auch die restlichen Gänge sinnvoll einsetzen, so kann man im Vierten sportlich wedeln, durchaus auch forciert Richtungsänderungen in Angriff nehmen, an die Neigungsgruppe Sonntagsracer Anschluss suchen, dann setzen halt irgendwann die reichlich durch Slidepads gepolsterten Trittbretter auf, geben informativ nach, lassen durchaus sportliche Kurvengeschwindigkeiten zu. Circa fünf Grad Restschräglage bleiben noch nach dem ersten Kontakt, seit der Dottore beim Anbremsen das Bein hebt gilt ja diese Art der Informationsgewinnung durchaus nicht als Ehrenrührig. Das Fahrwerk wehrt sich jedenfalls nicht gegen sportliche Aktivitäten, liegt eher auf der straffen Seite, am historischen katzenkopfpflaster der Höhhenstrasse ist es nicht so daheim wie auf bügelfrischen Asphaltserpentinen von Bundesstrassenqualität.
Erstaunlich wendig erweist sich die Custom am Heimweg zwischen den Kolonnen in der Wienzeile, nicht schlecht für so ein Dickschiff, erst bei wirkliche langsamer Gangart macht sie klar, dass sie keine kleine Italienerin ist, sondern eine ausgewachsene Madonna. Und man muss gar nicht beten, um in den Genuss ihrer Segnungen zu kommen, Gas geben reicht, gar nicht viel, weil man ist sich ja allzeit bewusst: nötigenfalls haben wir reichlich Reserven!

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