shake, rattle & roll

Ich habe mit zunehmenden Alter wirklich auch das Schwermetall aus Amerika lieben gelernt, die Electra Glide durch die Tatra gleiten lassen, bin mit der Heritage Softtail durch die Mur-Mürz-Furche gepflügt, war der König der Triester Strasse auf der Road King, bin praktisch bekehrt.

Und jetzt das: Harley Davidson Sportster 1200, Jahrgang zwanzigvierzehn. Die hat Clichés bestätigt, welche ich vorher gar nicht hatte! War `die Kleine´ einst ein Motorrad, das ihrem Namen wenigstens bedingt Ehre machte, schaut sie jetzt schon mal gar nicht mehr so wirklich sportlich aus. Eher so, als würde sie gerne, könnte aber nicht, eine `Echte´, grosse fette Harley sein nämlich. Bobber Style ist natürlich auch Geschmackssache, der dicke Vorderreifen zeigt sogar wahre Stärken auf Strassenbahnschienen, aber sonst – sportlich?
Um die Hüften etwas üppig wirkend, dank grösseren Tanks, vorbei die Zeiten des schmalen, hochaufragenden Spritfasses, das die Sportster schon von weitem erkennbar machte. Gut, siebzehn Liter Treibstoff sind schon ein Argument. Für Reisende. Aber die braucht man gar nicht aufhalten, weit werden sie eh nicht kommen, ausser sie sind leidensfähig und reisen auf makel- und faltenlosen bügelfrischen Asphalt. Die sogenannten Federbeine am Hinterrad schlagen sogar durch, wenn man Spurrillen beschleunigend quert, also etwa beim Ampelstart am Karlsplatz, bambam-bambam-bambam, das waren die ersten drei Fahrspuren, und gleich kommt die Gegenrichtung…

Könnte man eine halbwegs würdevolle Sitzposition einnehmen, hätte man vielleicht noch die Chance, einen Teil des Impacts körperlich abzufedern, klassische englische Haltung einnehmen. Nix da, die Marketingstrategie verlangt anscheinend nach Easy Rider Haltung, also Beine breit und Füsschen vor, Kontrollmöglichkeiten null. Auf den ersten Blick verspricht die deutlich gestufte Sitzbank mit Dragsterhaftem Höcker wenigstens Halt in der Sturm und Drang Phase, doch der Schaumgummi zeigt sich nachgiebeig, die Arme werden lang und länger. Dafür drückt´s so den Regen der letzten Woche aus dem Gestühl, das können komischerweise alle Harleys, Restfeuchte speichern sie alle noch lange nachdem die Sonne wieder vom blauen Himmel strahlt.
Um sich wieder ans Gouvernal anzunähern reicht es immerhin, in die Bremsen zu greifen, die sind tatsächlich mittlerweile erstaunlich wirksam, man hat sich bei Brembo bedient, ABS gibt´s jetzt auch für alle Modelle, so bleibt man immer auf der sichern Seite. Und nähert sich mit korrekt gemässigter Geschwindigkeit der Kurve, beziehungsweise innerstädtisch der Kreuzung, legt behutsam um, nur um beim Abbiegen unerfreuliche Kratzgeräusche zu verursachen. Da springen die Schosshündchen hysterisch in die Rückholleine und die Omi kämpft mit Herzrythmusstörungen, indigniert rümpft der unbedarfte Beobachter die Nase. Derweilen bemüht sich der Chauffeur, den Fuss am Raster und die Linie zu halten, letzteres gestaltet sich bei höheren Geschwindigkeiten schon schwieriger, schon gar, wenn statt der Angstzipferln die rahmenfeste Halterung aufsetzt, kann Angstschweiss verursachen.

Die oben beschriebene Sitzposition sollte ja eigentlich in erster Linie dem entspannten Cruisen zuträglich sein, auch das Geschmacksache, Voraussetzung dafür wäre ein suveräner Antrieb, der gleichmässiges dahinrollen ermöglicht. Aber gerade das kann die Sportster überhaupt nicht. Viel zu nervös reagiert sie auf Befehle vom Gasgriff, entweder sie dreht unaufgefordert hoch, beschleunigt selbständig, oder wird unvermittelt langsamer, sobald man die Beschleunigungsphase beenden und nur einfach gleichmässig dahincruisen will. Aber das will einfach nicht klappen, ich habe schliesslich als einzige Möglichkeit, halbwegs gleichmässig durch 30Km/h- oder Begenungszonen zu kommen die Geschwindigkeit durch ständiges Bremsen reguliert. Auf Dauer äusserst unbefriedigend.
Kurzweilig wäre diese Drehzahlgierige Motorcharakteristik sicherlich, könnte man die Sportster artgerecht bewegen, also sportlich, aber da sind -siehe oben- Sitzposition und Fahrwerk strikt dagegen. Wirklich Schade!

Und was nun? Man könnte natürlich die 1200er mit anderer Pedalerie, hochwertigeren Fahrwerkskomponenten, peniblen Mapping und optimierten Ein- und Ausatemwegen auf Vordermann bringen. Das machte sicher viel Freude, ein gewisser Mister Buell hat das zur Genüge unter Beweis gestellt, was die Firma damit anzufangen wusste darf als bekannt vorausgesetzt werden.
Meine dringende Empfehlung geht jedoch in eine gänzlich andere Richtung, schliesslich sucht man sein Motorrad nicht bei Harley, wenn einem der Sinn nach Sport steht. Der werte Interessent möge sich mit dem Finanzberater seines Vertrauens in Verbindung setzen, gegebenenfalls sogar ein paar Monate länger warten und sparen, und sich eine echte Harley zulegen, ganz ohne Anführungszeichen. Für ein paar tausender mehr gibt´s das geile Gefühl der grossen Maschine, und da wird´s dann stimmig. Wie gesagt, ich bin bekehrt, liebe diesen Dampfmaschineneffekt, kann mich mittlerweile sogar mit den Füssen voraus echt entspannt vergnügen. Nur halt nicht mit dieser Sportster, Sorry!

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3 Gedanken zu “shake, rattle & roll

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