wiedergeburt im himalaya

Eine Dienstfahrt auf dem zwanzigvierzehner Modell eines wohl als Einstiegsdroge gedachten Motorrades des amerikanischen Schwermetallproduzenten hat in mir unweigerlich Erinnerungen an die wunderbare Bullet 500 wachgerufen, welche mich auf den höchsten Punkt des weltweiten Strassennetzes befördert hat.
Man möchte meinen, es wäre unfair, eine 2005er Enfield mit einer funkelnagelneuen Sportster zu vergleichen, und tatsächlich überzeugt die Enfield, in praktisch jeder Hinsicht.
Im konkreten Fall stand vor dem Fahrvergnügen allerdings die Hürde der Besorgung, in einer aufgeschlossenen Innenstadtwerkstadt in Leh präsentierten drei geschäftstüchtige Twens ihre Angebote, Enfields unterschiedlichen Ausstattungs- und Gebrauchsniveaus.

Ein ambitioniert angelegter Chopper erwies sich gleich als für mich im Stadtverkehr unbewegbar, die Strassensportausführung als zu wenig komfortabel, übrig blieb das Luxusmodell in Fernverkehrsausführung, solide Sturzbügel inklusive. Den vielen Berggeistern sei Dank, aber dazu kommen wir zwangsläufig ohnehin am Testende.
Am Anfang der Probefahrt stand die Aufgabe, dem anspruchsvollen Verkehrsgewühl der Hauptstadt Leh mit ihrer Vielfalt von Verkehrsteilnehmern, dem, zumindest de jure verordneten, Linksverkehr, und den strassenbaulichen Herausforderungen Herr zu werden. Die Enfield selbst hat sich dabei nicht weiter wichtig gemacht. Idiotensichere Bedienung war eines der Auswahlkriterien, sprich ganz normales Schaltschema, und der Hebel auf der `richtigen´ Seite, war bei den ersten beiden Fahrzeugen nämlich nicht der Fall.
Das allgegenwärtige Drehmoment des einsam auf und ab stampfenden Zylinders lässt aber die Gangwahl ohnedies in den Hintergrund treten, nötigenfalls lässt man halt die Kupplung ein bisserl schleifen, geht ganz leicht von der Hand.

Informationen von der Fahrbahnoberfläche werden prompt weitergegeben, aber durchaus erträglich gefiltert, am Sattel kann das nicht gelegen sein, der war ein stylisches Tuningprodukt aus einer örtlichen Sattlerei, doch Gabel und Federbeine in originalkonfiguration erledigen ihren Job, so wie man das in Indien erwartet: unauffällig, ohne zu murren und mit Humor.
Hat man erst die Landsstrasse gewonnen, wozu selbst im hintersten Indien ein Sortiment von Kreisverkehren rund um die Stadt erledigt sein will -na ja, haben ja schliesslich die Briten erfunden- braucht man sich ums Getriebe eigentlich keine Gedanken mehr machen. Im grossen Gang tuckerd man durch die Landschaft, Vortrieb ist immer genug vorhande. Und das sogar hier oben, schon Leh liegt auf österreichischem Spitzenniveau, die Talsohle liegt auf dreitausend Metern Seehöhe.
Drei Möglichkeiten gibt´s, aus Leh rauszufahren, den Indus rauf in Richtung des chinesisch besetzten Tibet, flussabwärts nach Pakistan, beides kommode Fernverkehrsrouten mit touristischem Mehrwert.

Oder rauf nach Norden, wo gleich hinter der Ortstafel eine der schönsten Bergstrassen, was sag ich, die beste von Allen, beginnt, sich zwischen den Siebentausendern hochzuschlängeln. Und die Enfield arbeitet sich scheinbar mühelos die zwanzig Meilen bis zum Pass empor. Erst durch Bergoasen in weiten Tälern, dann durch archaische Orte an den absolut kargen Hängen, schliesslich auf einer abenteuerlichen, schmalen Fahrbahn zwischen steilaufragenden Felswänden und endlosen Abgründen dem Berg entrissen. Und durch grob gehauene Tunnels, wenn beim besten Willen kein Platz mehr zum Planieren war. Tuktuktuk, alle tausend Höhenmeter einen Gang zurückschalten, und sonst einfach die Landschaft geniessen.

Die Nordabfahrt des Khardung Lah ist einerseits länger und langgezogener, andrerseits ganz oben besonders anspruchsvoll, weniger für den gemeinen Touristen als für die Brothers vom Border Road regiment, die das bauwerk in Schuss halten. Regelmässige Lawinenabgänge und Bergrutschungen beseitigen sie mit Caterpillars, dass das keineswegs Routinearbeiten sind, erkennt man unschwer an dem halben Dutzend Baumaschinen, das am Ende eines mehrer hundert Meter messenden steilen Kars am Talgrund erkenen kann. Solide Stahlgeräte offensichtlich, man erkennt noch, was einmal ihre Bestimmung war, nunmehr zusammengeknüllt wie eine leere Mannerschnitten Packung.
So ein Anblick motiviert natürlich ungemein, wenn es um die vorausschauende Betätigung der Bremsen geht. Die sind an der Enfield durchaus ausreichend auf die Leistung ausgelegt, wenn man´s allerdings auf den dreissig Meilen hinunter ins nächste Tal ordentlich laufen lässt, vielleicht noch einen Passagier mit hat, und die eine oder andere unüberlegte Notbremsung wegen plötzlich auftretender unpackbarer landschftlicher Schönheit einleitet, darf man sich halt auch nicht über plötzliche Geruchsbelästigung wundern. Wer selbst diesen eindeutigen Warnhinweis ignoriert kann womöglich bald Nahaufnahmen von den zerknüllten Planierraupen machen, theoretisch.

Summa summarum also ein ganz vorzügliches Fahrerlebnis, traumhafte geographische Voraussetzungen und ein mehr als passables Motorrad. Die Enfield eignet sich wie kaum ein anderes Gerät, gemütlich die Gegend zu erkunden, gemächlich im Stil der Post-Kolonialzeit, ohne zu hetzen. Genausowenig stresst sie aber mit unzulänglicher Technik, kontemplatives Biken ohne Reue. Das verspricht auch die Kleine aus Milwaukee, enttäuscht dann, zumindest im Jahrgang `14, aber doch auf ganzer Linie.

Die Bullet kann und hat hingegen alles, was man braucht, meine war, dengötternseidank, auch mit einem typischen Nahkampfzubehör ausgestattet, weswegen ich auch heute noch Schalten und Kickstarten kann. Die Sturzbügel sind, wie auf der Photographie unschwer zu erkennen, nicht nur dazu geeignet, das Fahrzeug vor unsanftem Kontakt mit dem Untergrund zu beschützen, sondern vermögen auch schweren Schaden von den unteren Extremitäten des Fahrers abzuwenden. Ich weiss dies aus eigener Erfahrung zu bestätigen, es war quasi das Ende einer Dienstfahrt.
In der Nähe von Drass, in einer Gegend, die als älteste von Menschen besiedelte der Welt gilt, hielt ich den braven Bock an, um mich photographisch dreier Tibeter anzunehmen, die malerisch auf einem niedrigen Steinmäuerchen neben den Srinagar-Leh Highway hockten und grinsten. Hinter ihnen funkelte ein von der Schneeschmelze gespeister mächtiger Indusquellfluss, dahinter boten die mächtigen, Schneebedeckten Siebentausender einen majestätischen Rahmen. Gesehen, gestoppt, nach der Phototasche gefummelt, die drei Tibeter immer im Blick. Plötzlich verfinstern sich ihre Mienen dramatisch, all der friedliche Ausdruck ist aus ihren Gesichtern geschwunden, stattdessen geradezu panische Grimassen. Meinetwegen? Nein, sie starren haarscharf an mir vorbei, ich folge ihren Blicken, und erstarre genau wie sie. Ein archetypischer Lastwagen rast direkt auf uns zu, ist vielleicht gerade noch zwanzig Meter entfernt, der Beifahrer zeigt den gleichen panischen Gesichtsausdruck, vom Fahrer kann ich nur das Flinserl im Ohr wahrnehmen, er plaudert seelenruhig auf seinen Freund ein, hat keine Ahnung von der Szene, die sich gerade vor ihm auf der Strasse entwickelt. Mir rasen tausend Gedanken durch den Kopf, Flucht ist offensichtlich zwecklos, das Vorderrad steht unbeweglich am Randstein an, dahinter geht´s senkrecht hinunter zum Fluss, tief unten rauscht der unbeeindruckt dahin. Ich ergebe mich meinem vorbestimmten Schicksal, inshallah, kismet, erwarte gespannt den Fil meines Lebens, der wohl in Kürze anlaufen wird. Als letztes sehe ich noch die groteske Fratze, die gerne in asiatischen Kulturen vorne an Lastautos gemalt wird, um Unheil abzuwenden. Ja, eh, dem Lastauto wird´s helfen, noch effektiver ist aber die Eisenbahnschiene, die an Stelle einer Stossstange die Front ziert. Mit ohrenbetäubendem metallischem Knall trifft mich die seitlich, knallt gegen den Sturzbügel, Oberarm und Schulter donnern gegen die bunte Fratze des Bösen am dicken Stahlblech des Kühlers- danach: Blackout…

Nächste Einstellung: mein Astralleib erhebt sich aus dem Strassenstaub, in circa zwanzig Metern Entfernung nehme ich die Enfield wahr, drei Tibeter zerren sie von der Strasse, lehnen sie an ein Mäuerchen, dahinter rauscht ein Fluss, sie scheinen das Motorrad zu reparieren, versuchen Stahlrohre gerade zu biegen. Klar, denk ich mir, der Film, läuft wohl rückwärts ab, die Typen kenn ich ja. Langsam wird mir klar, das ist jetzt doch eher eine Art Fortsetzung, anscheinend bin ich auch gleich aufgestanden und habe mich im Schatten eines Baumes an den Stamm gelehnt, um den Kreislauf nicht überzustrapazieren. Wie im Rettungstaucherkurs gelernt führe ich ein Emergency Assesment durch, taste mich streng nach eingedrillter Routine nach Verletzungen ab, einszweidreivier, Extremitäten vollzählig vorhanden, Funktion vorhanden, nirgends stehen Knochen heraus, keine offenen Wunden, kaum arge Schmerzen. Nächste Vermutung: schwere Kopfverletzung, Helm hatte ich ja zwecks Photographierens abgenommen, und ergo dessen verschobene Wahrnehmung. Linkes Auge: funktioniert, schliessen, das rechte Auch, trotz intensiver Abtastung kein Blut an den Händen. Seltsam, der Stahlkoloss hat mich mit mindestens zwanzig Knoten weggeräumt! Jetzt haben auch meine drei Tibeter die erste Untersuchung der Enfield abgeschlossen, scheinen zufrieden, einer mustert mich überrascht, schau an, der Europäer rührt sich noch, das transzendentale Lächeln findet wieder in die Gesichter meiner Models zurück. „You are lucky, Sir! You incarnated right on the spot!“ Da hat er offensichtlich die Situation intuitiv ganz korrekt formuliert, Reincarnation ist die einzig mögliche Erklärung für die Tatsache, dass mein Stütz- und Bewegungsapparat sich erfolgreich der kinetischen Energie von zehn Tonnen Eisenmasse multipliziert mit zwanzig Meilen Geschwindigkeit relativ erfolgreich entgegen gestellt hat.

Die Wiedergeburt war so erfolgreich, dass selbst meine Physiognomie den Prozess unbeeindruckt mitgemacht hat, nach einer etwa vierstündigen Reise in einem nicht ganz zufällig kurz nach der Wiedergeburt vorbeikommenden Tata 3.Welt SUV ins nur achtzig Kilometer entfernte Leh, einem Besuch im dortigen Krankenhaus, dessen Röntgenstation samt ärztlichem Personal von einer Schlammlawine kurz zufor tragischerweise dem Erdboden gleichgemacht worden war, und einer ausgiebigen Gin-Tonic-Therapie konnte ich am nächsten Tag meine Erkundung von Ladakh fortsetzen. Die Enfield nicht, die holten wir später ab, ich musste für den gesammten Schaden gerade stehen, der gegnerische Verkehrsteilnehmer hat den Aufruhr anlässlich meiner Reincarnation genutzt, um unerkannt das Weite zu suchen. Mein neuer Körper mit dem alten Gesicht konnte dank weiterhin gültigen Passphotos bald darauf die Heimreise antreten, er wurde in Wien geröntgt, nur ein paar Rippen waren gebrochen, besser als geprellt, meinte der Chirurg, weil das wäre noch schmerzhafter. Will ich mir abre gar nicht vorstellen.

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