noch mehr sand

Die Champions waren nach ihrer Initiation am Vormittag kaum zu halten, ein paar schnelle Bissen und schon sassen sie wieder auf ihren KTMs. Hundert Meter hinter dem Hotel warteten die ersten Dünen, und zügig war der Einstieg geschafft, schnell der Rythmus gefunden, die drei sahen nicht so aus, als hätten sie soeben erst die korrekte Bedienung von Kupplung, Gas und Bremse kennen gelernt. Ungeduldig hingen sie an Klaus´ Hinterrad, auch Gabi, immerhin im Besitz eines Führerscheins und mit etwa zwölf Tagen Fahrpraxis auf der Strasse vergleichsweise überqualifiziert liess sich nicht lumpen und durchmass die Dünen mit Verve.

Nach der kurzen aber sachdienlichen Einschulung am Vormittag waren wir allesamt reif für die Wüste, tiefer Sand und hohe Dünen viel von ihrem Schrecken verloren, genussvolles Saharasurfen der verdiente Lohn. Dazu strahlend blauer Himmel, die winterlich tief stehende Sonne, welche der Landschaft klare Konturen gab, und ausgesprochen angenehme Temperaturen. Der morgendliche Sturm hatte sich mit den Regenwolken verzogen, die Feuchtigkeit den Sand verfestigt, die leichte Brise reichte, die Staubfahnen der Vordermänner zu verblasen. Wir hielten uns an die verwehte Piste nach Ksar Ghilane, Spuren liefen mal enger zusammen über den Sand, dann wieder, wenn der Boden tiefer und arg verspurt wurde, bogen einzelne ab, offensichtlich sank man neben der aufgewühlten Hauptroute weniger ein.

Als `Responde Sable´, von Amts wegen als Verantwortlicher eingesetzt, machte ich den Schlussmann, hätte die Position aber ohnehin übernommen. Weil: ganz vorne, wo ich auch gerne fahre, wäre ich deplaciert gewesen, die Kinis kennen sich im Gelände einfach besser aus. Hinten hingegen kann man sich´s gemütlich machen, den anderen beim straucheln zusehen, gegebenen falls hilfreich eingreifen, zu mindest Tipps geben. Und sich sonst sein Tempo einteilen, zurückfallen lassen, dann wieder forcieren und aufschliessen. Und dabei immer wieder anhand der Spuren der Vorfahrer den Untergrund beurteilen und so mancher Problemzone aus dem Weg fahren.
Überhaupt, die Spuren und der Sand! Wir stehen gerade auf einer Düne, stolz auf unsere Leistung, photographieren uns vor unseren tollen Braunauer Motorrädern, ohne die wir das zweifelsohne nicht geschafft hätten. Die Ersten brausen gerade wieder spektakulär von dannen, das Motorgeräusch ist kaum noch zu höhren, als das typische Knattern eines Mofas immer lauter wird, bald darauf stimmt ein zweites ein. Ab und an sieht man die Silhouetten der zwei Beduinen auf den Hügeln auftauchen, wieder in einer Senke verschwinden, immer näher, ganz gleichmässig gleiten sie auf und ab, bis sie schliesslich neben mir stehen. Ihre 50 Kubikzentimeter MBKs sind bis auf Kleinigkeiten völlig serienmässig, nur die Reifen schauen ein wenig Off-Road-mässig aus. Na und der Auspuff ist selbstverständlich getunet, der fingerdicke Krümmer mündet in eine volumonöse Rennbirne, was erklärt, dass man die Mopeds schon höhrt, noch lange bevor man sie sieht. Aber sonst: nichts! Und selbst wenn die Motoren perfekt in Schuss sein und ihr volles Potential ausspielen sollten, viel mehr als vier, fünf PS werden wohl kaum bis zum Hinterrad finden. Und trotzdem, dort, wo wir uns einfach, wie vom grossen Meister befohlen, mit einem beherzten Gasstoss auf eine Düne oder aus einer kritischen Situation katapultieren, ziehen die Mopedbeduinen gleichmässig und ganz relaxed durch die Wüste. Tja, gelernt ist gelernt, Können und Erfahrung durch nichts zu ersetzen, schiere Kraft anscheinend nebensächlich.

Das war auch meine einzige Hoffnung, als ich erfuhr, dass ich mit einem Herrn Kinigadner und drei jungen Leistungssportlern in die Wüste musste. Ein paar hunderttausend Kilometer Übung gegen tägliches Konditionstraining und wettbewerbsgeschärfte Schnellkraft quasi. Also an diesem Nachmittag, nach dem Rendevouz mit den Wüstensöhnen, ist die Rechnung erst mal nicht aufgegangen. Während ich noch mit meinen neuen Freunden über einen etwaigen Tausch der Fahrzeuge verhandelte hatten sich meine Sportsfreunde hektisch aus dem Staub gemacht, als ich ihre Fährte aufnahm, hatte sich dieser schon wieder gelegt. ich sah allerdings ihre bunten Helme in regelmässigen Abständen durch die Dünen hüpfen. Ich versuchte sie nicht aus den Augen zu verlieren und womöglich einzuholen bevor sie sich ausgetobt hatten.
Das Rätsel der hüpfenden Helme war schnell gelöst, eine schnürlgerade Piste führte aus dem Dünenfeld, hart und eben, allerdings in regelmässigen Abständen durch kurze, harte, mittelhohe Verwehungen unterbrochen, der reinste Hürdenlauf. Und da nützt halt die Erfahrung genau gar nix, ausser dass man die beiden Bewältigungsstrategien rasch abgerufen hat, abbremsen, stehend durchfedern oder aufstehen und abfedern, beschleunigen, zwei drei, bremsen. Egal wie man´s angeht, das ist kraftraubend und gerade als erfahrener Fahrer weiss man, dass man unter diesen Bedingungen besser seinen Ehrgeiz zügelt, sonst tut´s weh.

Ganz anders schauts aus, wenn die Amplitude länger und womöglich in der Horizontalen ausschlägt. Nach einem Zusammentreffen mit der sich gleichzeitig in Tunesien herumtreibenden Expertenrunde des Kini Camps in einem schmucken Café im Niemandsland, allesammt gestande Enduristen, die uns mächtig Respekt abnötigen, glühen wir retour nach Douz auf einer beschwingt angelegten Route. Weite Radien zwischen harten Dünen laden zum Wedeln, Antonio unser italienischer Zweiradartist beweist Talent und Furchtlosigkeit, ich sehe ihn vorne den Windschatten von Klaus suchen, beschliesse für den Rückweg mein Schlusslicht weiterzugeben, hänge mich an den Schnellzug an.
Während der Rest der Gruppe offensichtlich sein eigenes Tempo gefunden hat und zügig aber mit Reserven seine Staubfahnen in die Landschaft hängt meldet sich in Antonio das Rannpferd, den Stall witternd drückt er aufs Tempo. Klaus wechselt von der harten strassenartigen auf die parallel laufende etwas verwehte aber direktere Piste, steht in den Rasten auf, ohne das Tempo nennenswert zu drosseln, mit einem kurzen Gasstoss entlastet er das Vorderrad und zieht locker über eine ansehnliche Düne. Antonio erkennt die Gefahr, reagiert wie es der Instinkt empfielt indem er vom Gas geht, doch sind unsere Instinkte halt nicht auf rasantes Motorradfahren in der Wüste trainiert. Denn da muss man Gas geben, sonst versenkt man das Vorderrad im Sand, und genau das passiert jetzt. Daraus resultiert ein plötzlicher Geschwindigkeitsabbau, der wiederum eine heftige Schwerpunktveralgerung des Fahrers bedingt, die vielleicht die Waden aber eben nicht die Oberarme eines wiewohl durchtrainierten Radfahrers abzufangen im Stande sind.

Mit dem Absprung hätte er am Berg Isel gute Noten bekommen, auch die Flugphase war noch elegant, aber den Aufsprung hat er dann doch ganz arg verhaut. Ich hatte die Ehre, die Flugphase aus nächster Nähe zu verfolgen, konnte seinem, eine ganz andere Richtung nehmenden Motorrad ausweichen und zwecks mir ratsam erscheinender Hilfeleistung in unmittelbarer Nähe anhalten, aber als ich mich umsah war Antonio schon wieder auf den Beinen. Sein Blick schien mir etwas trüb und fragend. Doch er beutelte sich nur einfach den Sand aus diversen Hohlräumen seiner Kleidung, suchte, fand und starte die KTM und war schon wieder in Fahrt, als die Restgruppe aufgeschlossen hatte. Allerdings gab er auf den letzten Kilometern ins Camp nicht mehr den ambitionierten Konkurrenten ab, zu dem er sich im Laufe des Tages gemausert hatte. Na ja, war ja auch sein erster und er hatte gerade eine wichtige Lektion gelernt. Dass nämlich manchmal Gas geben sicherer ist als bremsen.

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2 Gedanken zu “noch mehr sand

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